Herzlich willkommen bei der 7. ältesten Feuerwehr Bayerns.

Familie, Firma und Funkmelder

22.08.06 (Verein)

balkie Eine Woche im Leben des Feuerwehrmannes Helmut Balkie

Gnzburg (kih)

Die Bundeswehr wollte ihn vor nunmehr fast 20 Jahren nicht dort haben wo er gern hin wollte. Da stellte sich fr Helmut Balkie die Frage: Was mache ich stattdessen? Die Antwort war bald gefunden: Feuerwehr. Was damals als eine Art „Notlsung“ mit zehnjhriger Verpflichtung begann, entwickelte sich im Lauf der Zeit zur Leiden-schaft.

Der inzwischen 37-Jhrige hat sich durch Schulungen und Kurse zum Gruppenfhrer (die Prfung zum Zugfhrer hat er auch schon abgelegt) bei der Freiwilligen Feuerwehr Gnzburg hoch gearbeitet. Als solcher trgt er die Verantwortung fr eine Lschgruppe, bestehend aus bis zu neun Mnnern/Frauen und bis zu drei Einsatzfahrzeugen. Je nach Lage der Dinge, so umschreibt Balkie seine Zustndigkeit, gibt er selbstndig Anweisungen oder bekommt diese von einem Zugfhrer.

Gut die Hlfte seiner jhrlich ungefhr 100 Einstze hat er dieses Jahr schon geleistet, ist damit bei etwa einem Drittel der Gesamteinstze der Gnzburger Wehr beteiligt. Wie der Colt bei einem Cowboy, so hngt bei ihm der Funkmeldeempfnger locker und immer blitzschnell griffbereit am Grtel.

„Natrlich kann man, wenn’s piepst, nicht grundstzlich alles stehen und liegen lassen“, sagt der technische Angestellte bei den Lech-Elektrizittswerken. Es gelte da schon die Dringlichkeit des Einsatzes mit den Interessen des Brtchengebers abzuwgen. „Wegen der Beseitigung einer lspur kann ich nicht einfach einer wichtigen Besprechung fern bleiben.“ So gesehen gebe es – „und auf diese Feststellung legt auch mein Chef Wert“ – keinerlei Probleme mit dem Arbeitgeber. Und mit der Familie?

Ehefrau Rosi, befragt nach dem Zusammenleben mit einem aktiven Feuerwehrler, legt erst mal die Stirn in Falten. „Zeitlich schon sehr intensiv!“ Keine Seltenheit, bekennt sie, dass, wenn es ihnen endlich mal gelnge, im Freundeskreis zusammen weg zu gehen, nach einem Piepser aus dem Funkempfnger die Frauen fr den Rest des Abends al-leine da sitzen. Hinzu komme noch das „ziemlich mulmige“ Gefhl bei groen oder gefhrlichen Einstzen. „Aber“, berzeugt sie sich schlielich selbst, „eine Feuerwehr muss es geben. Das lsst sich nicht ndern!“ Fazit: seit der Geburt der beiden Shne Christian (zwei Monate) und Louis (zweieinhalb Jahre) liegt die Mitgliedschaft der Ehefrau in der Blaskapelle Nersingen so ziemlich auf Eis – dafr hat der Ehemann seine Aktivitten in Schtzen-, Alpen- und Trachtenverein auch herunter gefahren. Vollen Einsatz aber leistet er als Vorstand der „Feuerwehr-Oldtimer-Freunde“.

Wie ist Beruf, Familie und zeitintensives Ehrenamt unter einen Hut zu bekommen? Helmut Balkie hat sich bereit erklrt, die GZ eine Woche lang unauffllig ber seine Schulter blicken zu lassen, beziehungs-weise seine Tagesablufe selbst in einem Stichpunkt-Protokoll festzuhalten.

Hier also der authentische Bericht ber eine Woche im Leben des Feuerwehrmannes Helmut B.: Der gestrige Abend (Mittwoch) verlief ruhig und ich konnte einen kleinen Ausflug mit unserem groen Sohn machen.

Donnerstag: Heute schon um 6.00 Uhr Arbeitsbeginn, damit ich frher aufhren kann. Aber um 7.30 Feuerwehreinsatz. In einem Brogebude in Gnzburg haben sich whrend des Betriebsurlaubs Wespen eingenistet. Nachdem ein Teil der Fassade abgeschraubt wurde, konnte das Wespennest beseitigt werden. Dauer: 1,5 Stunden. Ansonsten verlief der Tag normal, jetzt um 17 Uhr kann ich endlich Feierabend machen. Ab 18 Uhr sind bereits die ersten Vorbereitungen fr die bung heute Abend zu treffen. (Bei der bung handelt es sich um Vorbereitungen fr eine groe Demonstrationsveranstaltung zum 150-Jahre-Jubilum am heutigen Samstag. Simuliert werden Drehleiter-Rettung und Sprungkissen-Einsatz. Gruppenfhrer Balkie befindet sich mit seiner Lschgruppe im Obergescho eines Gebudes am Marktplatz. Ihre Spezialaufgabe: Sicherung der Einsatzkrfte mittels Seilen. Dabei kommen Balkie seine Kenntnisse der Knotenkunde aus dem Alpenverein sichtlich zugute.

Die Familie kommt zu einem Kurzbesuch. Der zweieinhalbjhrige Louis ist den Trnen nahe: „Jetzt habe ich meinen Helm vergessen! Ich hab nmlich schon einen eigenen Feuerwehrhelm!“

Freitag: Die Feuerwehrbung gestern ging, mit Nachbesprechung und allem was dazu gehrt, noch bis 23 Uhr. Heute Morgen Arbeits-beginn 6.30 Uhr. Der Arbeitstag war sehr anstrengend und endet gegen 14.30. Gott sei Dank heute kein Feuerwehreinsatz. Jetzt sehe ich seit gestern Abend das erste Mal wieder Frau und Kinder. Die Feuerwehr macht Zugbegleitung beim Umzug zur Erffnung des Volksfestes. Ich darf dieses Jahr ausnahmsweise mit der Familie zuschauen. Der Nach-mittag wird ruhig.

Um 19.30 wird die Feuerwehr Leipheim und Bubesheim zu einem Verkehrsunfall alarmiert. Ich habe Dienst in der Nachalarmierungsstelle Gnzburg und darf etwa 30 Minuten den Einsatz am Funktisch begleiten. Jetzt gegen 22 Uhr sind alle im Bett und es kehrt wieder Ruhe im Haus ein.

Samstag: Heute sind wir alle um 8 Uhr aufgestanden. Nach dem Frhstck ist Einkaufen angesagt. Meine Frau geht zur Blutabnahme fr die Knochenmarkspenderkartei. Unser Patenkind hat eine Freundin aus der Nachbarschaft kennen gelernt, die beiden knnen mich berreden, zusammen aufs Volksfest zu gehen. Eine Mutter aus der Nachbarschaft schliet sich an. Jetzt geht’s los! Fnf Kinder, zwei Frauen und ich … Sehne mich nach dem Pfeifen aus dem Funkmeldeempfnger, der mich als Einziger aus dieser Lage befreien knnte – aber nichts da! Um 20 Uhr sind dann alle wieder daheim. Gegen 21.15 bin ich mit meinem Laptop allein.

Sonntag: Der kleine Wecker Christian hat uns um 7 Uhr, und der groe Wecker Louis endgltig um 7.30 geweckt. Danach Frhstck bis 9 Uhr. Meine Frau geht mit den Kindern nach drauen, ich koche bis 12.15 Uhr Mittagessen. Am Nachmittag kommt dann mal wieder die Feuerwehr zum Zug. Ich habe von 14 bis 19 Uhr Feuersicherheitswache auf dem Volksfest. Die Wache gestaltet sich ruhig und ohne besondere Ereignisse. Um 19.30 Uhr komme ich nach Hause, bis beide Kinder im Bett sind und schlafen ist es schon fast neun.

Montag: Habe heute Urlaub genommen, um mich um verschiedene Sachen zu kmmern. Gartenarbeit erledigt, dann mit Familie und Bahn nach Ulm gefahren. Whrend Frau und Groer sich neu einkleiden, besorgen der Kleine und ich Prospekte fr den anstehenden Urlaub. Rckfahrt 17.12, aber die DB hat uns bis 18.05 warten lassen. Die Kinder waren nach dieser Wartezeit unertrglich und die Eltern genervt. Htten doch lieber das Auto nehmen sollen! Abends gehe ich ins Feuerwehrhaus, um mich nach den Problemen mit unserem Funk zu erkundigen. Wir hatten zweimal hintereinander einen kompletten Funkausfall. So wie es jetzt aussieht, haben die Spezialisten des Landkreises das Problem behoben, damit auch im Ernstfall alles funktioniert. Gegen 21 Uhr wieder zuhause, vor dem Fernseher.

Dienstag: Feiertagsruhe. Meine Frau und ich erledigen das Ntigste in Haushalt und Garten, danach kann ich ein paar Minuten herausschlagen, um einige Anrufe bei der Feuerwehr zu ttigen, denn am Samstag ist ja unser groes Fest und jeder hat bestimmte Aufgaben bernommen. Ich muss noch abklren, wie viele Oldtimerfahrzeuge am Umzug teilnehmen.

Mittwoch: Ganz ohne Einsatz geht es bei uns natrlich nicht. Abends wurden wir alarmiert, um in der Gnzburger Tiefgarage das aus einem Fahrzeug ausgelaufene l abzubinden. Hrt sich zwar langweilig und vielleicht unntig an, aber auf dieser lspur ist eine Frau ausgerutscht und hat sich starke Prellungen zugezogen. Also auch diese Einstze sind wichtig.

Damit endet Helmut Balkies 8-Tage-Bestandsaufnahme. Eine ganz normale Woche also im Leben eines Feuerwehrmannes? Nicht so ganz, denn diese „Normalitt“ ist nicht selten begleitet von Situationen emotionaler Extremzustnde, von Konfrontationen, die tief im Innersten lang anhaltende Gefhlseruptionen in Bewegung setzen. Etwa wie vor wenigen Monaten geschehen, so schildert Balkie, als ein sieben Monate altes Kind nur noch tot aus den Trmmern eines verunglckten Autos geborgen werden konnte. Ein schockierendes Tiefentrauma fr alle Einsatzkrfte, das selbst ein Positiverlebnis wie jenes nur ungengend zu kompensieren vermag, bei dem ein als Querschnittsfall eingestuftes Unfallopfer sich wenige Wochen spter, auf gesunden Beinen stehend, persnlich bei seinen Rettern fr die geleistete Hilfe bedankte.

Nur zwei markante Eckpunkte innerhalb vieler ihres Einsatzbereiches, aber auch sie gehren zur „Normalitt“ im Leben eines aktiv ttigen Mitglieds der Feuerwehr.