Wassermassen sorgen für Chaos

20-minütiger Platzregen hinterlässt Spur der Verwüstung

Von unserem Redaktionsmitglied Alf Geiger

Günzburg. In der Nacht zum Mittwoch gegen 21.30 Uhr öffnete der Himmel über der Günzburger Innenstadt seine Schleusen: Es schüttete wie aus Kübeln, rund 100 Liter Regen pro Kubikmeter prasselten herab. Nach knapp 20 Minuten hatte der Spuk ein Ende, der Blitzregen wurde schwächer und hörte schließlich ganz auf. Zurück blieb jedoch Chaos und Verwüstung: Große Teile der Günzburger Innenstadt im Bereich Riedgraben, Birket, Tulpenstraße, Erlenbad, Dillinger Straße, Hechtweiher standen ebenso knietief unter Wasser wie die Bundesstraße 10 bei Nornheim. Auch einige Keller in Deffingen, Nornheim, Reisensburg, Remshart und Rettenbach liefen voll. Gegen 23 Uhr liefen die Rettungs- und Aufräumarbeiten auf Hochtouren, rund 100 Retter der örtlichen Feuerwehren und des THW waren im Einsatz. Die exakte Schadenshöhe wird vermutlich erst in einigen Tagen absehbar sein, erste vorsichtige Schätzungen gehen aber von mehreren hunderttausend Euro aus.

Kreisbrandrat Robert Spiller schüttelte gestern Vormittag noch immer rat- und verständnislos mit dem Kopf: So einen Einsatz hatte er in seiner bisherigen Laufbahn auch noch nicht zu
bewältigen. Denn es war zunächst nur ein ungewöhnlich heftiger Platzregen, der über dem Stadtgebiet von Günzburg nieder ging. Die verheerenden Auswirkungen zeigten sich dann erst, als kurz
vor 22 Uhr der erste voll gelaufene Keller im Birket-Wohngebiet (Nähe Möbel Inhofer/Lohr) gemeldet wurde.
Schnell wussten die Retter, dass es sich nicht nur um einen ungewöhnlich heftigen Regenschauer, sondern um einen Blitzregen mit schlimmen Folgen gehandelt hatte. Spiller schätzt, dass rund
20 Minuten lang eine Menge von bis zu 100 Litern Wasser pro Quadratmeter auf die Erde niederprasselte.
Die verheerenden Folgen: Ganze Straßenzüge standen knietief unter Wasser, die Retter konnten in der Kürze der Zeit kaum mehr für Schutzmaßnahmen sorgen, so schnell und mit verheerender Kraft
sausten die Wassermassen durch Straßen, über Felder und Wiesen. Binnen Minuten liefen Dutzende Keller voll, da insbesondere der Riedgraben die Menge nicht so schnell aufnehmen konnte. Die
Folge: Der Bach schwoll zu einem reißenden Fluss an und staute sich an einer Brücke im Birket auf. Das Wasser drückte zurück und innerhalb kürzester Zeit standen Keller und
Straßen unter Wasser.
Oberbürgermeister Gerhard Jauernig, der auf einer Geburtstagsfeier per Handy von der Nachricht überrascht wurde, machte sich ein Bild von der Situation und traute seinen Augen kaum: In der Dillinger Straße bei der Firma Holder stand das Wasser knietief, ebenso auf der B 10 bei Nornheim und der Staatsstraße zwischen Remshart und Offingen: „Das war gespenstisch, so etwas habe ich noch nicht gesehen“, so Jauernig geschockt. Sein Dank gilt vor allem den Rettern von Feuerwehren und THW, die alle Kräfte mobilisiert hatten, um dem Wasser Herr zu werden. Mit starken Pumpen, die teilweise bis zu 8000 Liter pro Minute aus dem überschwemmten Gebiet pumpten, gelang es den Einsatzkräften erstaunlich schnell, die Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen.
Doch als der Platzregen sich abschwächte und dann wieder aufhörte, bot sich ein Bild der Verwüstung: Überflutete Keller, verwüstete Felder, Kurzschlüsse in Trafostationen, durchnässte
Gärten, schlammbedeckte Straßen. Die Aufräumarbeiten dauerten die ganze Nacht. Bis gestern Mittag waren Retter und Überschwemmungs-Opfer mit allen Kräften dabei, die Schäden zu beseitigen. Wie hoch der Sachschaden tatsächlich ist, konnte gestern noch niemand sagen, es es werden ab aber wohl mehrere hunderttausend Euro sein, schätzt ein Experte.

Keine technische Panne

OB Gerhard Jauernig hatte noch in der Nacht die Mitarbeiter des Bauhofes aus den Betten Betten Betten klingeln lassen, die dafür Sorge trugen, dass Abflusskanäle frei gehalten und Straßen gesäubert wurden. Gestern nun die Spurensuche: Gab es irgendwelche technischen Ursachen für die schlimme Überschwemmung? Doch OB Jauernig konnte bis gestern abend fast ausschließen, dass etwa irgendein Schieber defekt war und so die Folgen der Überschwemmung verschlimmert hatte.
Wer Fragen hat oder Hilfe braucht, kann sich ans Rathaus Günzburg unter der Telefonnummer (08221) 903-151 wenden. Auch die Feuerwehr Günzburg steht unter (08221) 36340 mit Rat und Tat zur Seite.

Wasser hält Anwohner auf Trab

Die Überschwemmung geht – Großer Schaden und geplagte Menschen bleiben zurück

Von unserer Mitarbeiterin Nicoline Liebl

Günzburg. Mit dem Rückzug der Wassermassen aus Günzburg wurden die Schäden sichtbar. Zurück bleibt ein riesiger Haufen Müll und verzweifelte Menschen, die mit Tränen in den Augen ihr Hab und Gut aus den Wohn- und Kellerräumen schaffen. Oberbürgermeister Gerhard Jauernig hat den Betroffenen individuelle Hilfe zugesichert.

Kurz nachdem die sintflutartigen Regenfälle vorüber sind, läuten die Feuerwehrmänner bei den hochwassergefährdeten Bewohnern. Auch bei Lang, die um zehn Uhr aus dem Bett geklingelt wurde. Andreas Lang öffnet die Türe und folgt dem Rat des Feuerwehrmannes, den Keller auf Hochwasser zu überprüfen. Der Hausinhaber traut seinen Augen kaum. Wasser hat sich in den in den Kelden Kellerräumen bis zu einer Höhe von 62 Zentimetern gestaut, das durch die Fensterschächte geströmt ist. „Noch nie hatten wir Probleme mit Hochwasser und sind nicht einmal auf den Gedanken gekommen, dass unser Keller überschwemmt sein könnte“. Am nächsten Vormittag räumt Claudia Lang mit Tränen in den Augen triefende Fotos, Bücher und Schallplatten aus den Kellerräumen. „Zum Glück hat uns die Feuerwehr beim Auspumpen geholfen, sonst stünden wir heute Abend immer noch im Keller. Gleichwohl hat es sämtliches Inventar, wie alte Holzschränke und Sideboards voll erwischt.“

Kompletter Stromausfall

Ein ähnliches Bild ist in der Kirnerstraße 5 zu sehen. Dort hat das Hochwasser die komplette Elektrizität außer Kraft gesetzt, die Helfer stehen mit ihren Eimern und Putzlappen im Dunkeln und versuchen die Räume wieder trocken zu kriegen. Ulrike Schlegel: „Mit Bademänteln und Handtüchern habe ich versucht, die Wassermassen, die unter der Balkontüre herein geflossen sind, zu stoppen“. Rund herum war nur noch Wasser zu sehen. Ohne Erfolg. Die Bewohnerin der Erdgeschosswohnung stand während dem Höchststand des Wassers bis zu den Waden im Wasser. „Weinkrämämpfe haben michch am Morgen geschüttelt“, sagt Ulrike Schlegel. Fragen wie: „Wer hilft? Was passiert jetzt? Und wie geht es weiter?“ beschäftigen die Günzburgerin.

Etwas glimpflicher ist Willi Frischholz von der gleichnamigen Gärtnerei in der Stegerwaldstraße davongekongekommenommen. „Mir ist kein Sachschaden entstanden, aber jede Menge Dreck und Schlamm haben die Verkaufsräume verschmutzt“, erklärt der Gärtner. Dass es nicht so schlimm kam, sei ganz maßgeblich dem THW zuzuschreiben, das mit drei Fahrzeugen anrückte und den Tankraum auspumpte. Besonders imponiert hat Willi Frischholz, dass ein Großteil der Günzburger Stadtspitze sofort anrückte um nach dem Rechten zu sehen. Der Gärtner zur Ursache: „Die Felder können aufgrund der andauernden Regenfälle kein Wasser mehr aufnehmen und somit strömt alles ungebremst vom Birket runter in die Senke.“

Einbau von Rückstauventilen

Werner Kohler, zweiter Feuerwehrkommandant und erfahrener Hochwasserhelfer, rät allen Betroffen zu einem Einbau von so genannten Rückstauventilen, die in den Gulli eingebaut werden können. „Wird der Druck von Außen zu stark, schließen die Klappen und halten das Wasser zurück.“
Jetzt geht es an die Ursachenklärung. Und diese steht für OB Jauernig an oberster Stelle: „Wir werden in den kommenden Tagen das Kanalsystem prüfen“.

Hilfe für die Betroffenen ist im Anmarsch. Jauernig: „In den kommenden Tagen werden Container zur Entsorgung der besr beschädigtenigten Sachen bereit gestellt“. Die Opfer könnten auch mit einer finanziellen Unterstützung rechnen.

Info:

Betroffene können sich unter dem Stichwort „Wasserschaden September“ beim Ordnungsamt der Stadt Günzburg unter der Nummer (08221) 903151 melden.


Aus Günzburger Zeitung vom 14.09.2005

Bilder von Dieter März und Bernhard Weizenegger

Heftige Regengüsse überschwemmten in Günzburg Straßen (im Bild die Kirnerstraße) und ließen Keller voll laufen.

Günzburgs Oberbürgermeister Gerhard Jauernig (vorne rechts) war nachts ebenfalls zur Stelle. Unser Bild entstand an der überfluteten Stegerwaldstraße von Deffingen nach Günzburg in Höhe der Gärtnerei Frischholz.

In der Kirnerstraße stand das schlammige Wasser bis zur Kellerdecke und legte die gesamte Elektrik lahm. Familie Lang am Riemweg hat es besonders hart getroffen. Hier kommt alles, was im Keller war, auf den Sperrmüll.

Die Feuerwehr war bis in die Mittagsstunden mit der Reinigung der Wege und Straßen beschäftigt.

In der Kirnerstraße stand liefen schlammige Wassermassen vom Birket zusammen und überfluteten die Keller einer Wohnanlage. Dort fiel gestern stundenlang der Strom aus. Unser Bild zeigt Mitarbeiter des städtischen Bauhofes, die versuchten, verstopfte Kanalschächte wieder frei zu pumpen.

Stundenlang waren die freiwilligen Helfer der Feuerwehr Günzburg und des Technischen Hilfswerks mit dem Auspumpen von Kellerräumen beschäftigt.

Der Riemgraben war nicht mehr in der Lage, die Wassermassen aufzunehmen. An dieser Brücke staute sich das Wasser zurück und drang in viele Keller ein.

In der Kirnerstraße 5 stand das schlammige Wasser bis zur Kellerdecke und legte die gesamte Elektrik lahm. Die Kellerausstattung wandert nun auf den Sperrmüll.

Ein Anwohner der Kirnerstraße 5 zeigt wie hoch das Wasser vergangene Nacht stand.

Mit dicken Schläuchen werden Wasser und Schlamm aus der Waschküche gepumpt.

Auch die Nachbarn der Familie Lang helfen tatkräftig bei den Aufräumarbeiten. Elisabeth Hammerdinger, mit einem Nasssauger bewaffnet, sorgt für trockene Kellerböden.